Jan-Lennard Struff hat in Wimbledon ein Stück Tennis-Geschichte geschrieben: Mit 36 Jahren und 71 Tagen zog der Deutsche als ältester Spieler der Open Era zum ersten Mal in ein Grand-Slam-Viertelfinale ein – im 47. Anlauf bei einem Major-Turnier. Was für viele Profis in diesem Alter längst Abschiedstournee ist, wurde für Struff zum größten Erfolg seiner Laufbahn.
Fünf Sätze, Marathon-Tiebreaks, kein Selbstläufer
Einfach war auf diesem Weg gar nichts. In der ersten Runde rang Struff den Argentinier Sebastián Báez in fünf Sätzen nieder. In Runde zwei ging es gegen Brandon Nakashima erneut über die volle Distanz – die Entscheidung fiel erst im Tiebreak des fünften Satzes. Zweimal am Rande des Ausscheidens, zweimal zurückgekämpft: Es war das Muster, das dieses Turnier für den 36-Jährigen prägen sollte.
Der Coup gegen Medvedev
Sein Meisterstück lieferte Struff in der dritten Runde ab. Gegen Daniil Medvedev spielte er das beste Match seines Turniers und setzte sich 7:6, 7:6, 7:5 durch – drei enge Sätze, drei Mal die besseren Nerven in den entscheidenden Momenten, kein Satzverlust gegen einen Gegner aus den Top Ten der Welt.
Im Achtelfinale kam dann auch das nötige Quäntchen Glück dazu: Hubert Hurkacz musste aufgeben, und Struff stand dort, wo er in 46 Major-Anläufen zuvor nie gestanden hatte – in einem Grand-Slam-Viertelfinale.
Endstation Sinner – mit erhobenem Haupt
Dort wartete mit Jannik Sinner ausgerechnet die Nummer eins der Welt. Struff wehrte sich, hielt die ersten beiden Sätze offen, verlor aber am Ende 5:7, 6:7 (4:7), 3:6. Wie hoch diese Hürde tatsächlich war, zeigte der weitere Turnierverlauf: Sinner ließ im Halbfinale Novak Djokovic beim 6:4, 6:4, 6:4 keine Chance, bezwang im Finale Alexander Zverev und verteidigte als erst zehnter Spieler der Open Era seinen Wimbledon-Titel.
„Teddybär mit Comeback-Qualitäten“
Die Sportschau adelte Struff als „Teddybär mit Comeback-Qualitäten“ – und traf damit den Kern dieser Karriere. Struff ist der klassische Spätzünder: kein Wunderkind, kein früher Hype, dafür jahrelange Beharrlichkeit auf höchstem Niveau. Dass der Durchbruch bei einem Major ausgerechnet mit 36 gelingt, in einem Alter, in dem andere längst ins Trainer- oder TV-Fach gewechselt sind, macht diese Geschichte zum Human-Interest-Stoff des Turniers.
Dabei hätte kaum jemand dieses Kapitel noch erwartet. Vor Wimbledon rangierte Struff nur auf Position 74 der Weltrangliste – weit weg von jenen Regionen, in denen Viertelfinal-Teilnahmen bei Grand Slams verteilt werden. Doch genau diese Ausgangslage macht den Lauf an der Church Road umso bemerkenswerter.
Ranking-Sprung: von 74 auf 41
Der Lohn ließ nicht lange auf sich warten. In der neuen Weltrangliste vom Montag verbesserte sich Struff um 33 Positionen und kletterte von Rang 74 auf Platz 41 – sein bester Stand seit November 2024. Der britische Wildcard-Halbfinalist Arthur Fery machte mit einem Plus von 78 Rängen einen noch größeren Sprung.
Für Struff bedeutet das: Mit 36 Jahren ist er wieder auf Tuchfühlung zu den Top 40 – und hat mit dem Viertelfinale das beste Grand-Slam-Ergebnis seiner Karriere im Rücken. Der Spätzünder hat geliefert, als niemand mehr damit gerechnet hatte.
Tennis Post Redaktion
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